Pressebericht 
Vernissage von Gerd Kadzik füllt Galerie mit Besuchern
 
14.01.2008
D 27305 Bruchhausen-Vilsen
Ausstellung

Mit fast 100 Besuchern der Vernissage von Gerd Kadzik beim Kunstverein ART-Projekt e.V. stießen die Platzkapazitäten der Klostermühle Heiligenberg an ihre Grenzen. Dicht gedrängt lauschten die Kunstfreunde der Laudatio durch Dr. Dr. Wolfgang Griese, welche nachfolgend im Originalwortlaut wiedergegeben ist.

Einführung in das Werk von Gerd Kadzik durch Dr. Dr. Wolfgang Griese :
Ausstellungseröffnung am 13.01.2008 in der Klostermühle Heiligenberg

„Die Noblesse der Wasserfarben“ – zwischen Acker und Wolkenkratzer

„Kunst ist die Transformation der Natur im schaffenden Geist, und eben diese Umbildung ist der schöpferische Akt des Geistes, der alle Kunst begründet. Das Kunstwerk also ist transformierte, vergeistigte Natur, unendlich mehr als Abklatsch und Wiedergabe derselben (...)“ Otto Mauer

Meine Damen und Herren, liebe Kunstinteressierte, ich begrüße Sie auch im Namen von Artprojekt recht herzlich zur heutigen Ausstellungseröffnung in der Galerie der Klostermühle Heiligenberg. Dass Sie trotz des heute endlich einmal sonnigen Winterwetters so zahlreich hier erschienen sind, macht deutlich, wie sehr Sie den Künstler Gerd Kadzik und sein Werk schätzen. Da Kunst zu den schönsten Dingen der Welt gehört und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten einen wesentlichen Teil unserer Lebensqualität ausmacht, gibt es immer mehr Menschen, die sich den Kunstwelten öffnen und schöpferisch an ihrem Ausbau mitwirken. Dies beginnt bereits im frühen Kindesalter und wird später in Volkshochschulen, Seminaren, Therapiekreisen oder anderen Gruppierungen fortgesetzt.

Wenn Kunst die Brücke ist, die unsere alltägliche Welt mit der Welt der Spiritualität und der Fantasie verbindet, so betreten wir „Kunstempfänglichen“ diese Brücke sehr unterschiedlich, teils sporadisch, teils zeit- oder stimmungsabhängig und manche sogar lebensabschnittsweise. Ganz anders ist dies bei Künstlern wie Gerd Kadzik „Er hat sich auf dieser Brücke häuslich eingerichtet und das Kunstschaffen zu seinem zentralen Lebensinhalt und Broterwerb gemacht. Gerd Kadzik, der 1929 in Mannheim geboren wurde, fand den Weg zur bildenden Kunst über handwerkliche Gebrauchsgrafik, Karikaturen, Plakatentwürfe, Buchumschläge- und Kalendergestaltungen. Auftraggeber waren Firmen der Industrie, Zeitungen und die Trickfilmbranche.

In dieser künstlerischen Frühphase von 1960 bis 1970 war Bad Godesberg bei Bonn sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt.

Für ihn, seine Familie und uns war es ein glücklicher Zufall, dass der Künstler 1971 ein Häuslingshaus in Affinghausen erwerben konnte, das er in langjähriger Arbeit selbst restaurierte und in dem er als selbständiger Künstler sein Atelier einrichtete.

Wer ihn dort heute besucht, erkennt sehr schnell, dass er in Gerd Kadzik einem Künstler begegnet, der außerordentlich vielseitig ist. Von Zeichnungen, Holzschnitten und Grafiken in den verschiedensten Techniken über die Öl- und Aquarellmalerei bis hin zu Skulpturen und Plastiken aus unterschiedlichen Materialien reicht die künstlerische Bandbreite. Seine Thematik umfasst die Welt der Fantasie mit Märchen, Sagen und Mythen ebenso wie unsere profane Alltagswelt mit all ihren kleinen und großen Seh- und Wahrnehmungserlebnissen.
So sehr Gerd Kadzik das abgeschiedene norddeutsche Landleben auch genießen kann, er unterliegt permanent dem ästhetischen Handlungsdrang des Künstlers, der ihn ruhelos, wissbegierig und prüfend nach neuen Bildmotiven suchen lässt. So gibt es immer wieder Phasen, in denen er reisen muss, um neue Eindrücke zu sammeln, die dann in neuen Bildwelten ihre künstlerische Umsetzung erfahren. Studienreisen inklusiv inspirierender Freiluftateliers in die Niederlande sowie in die USA oder nach Italien und Skandinavien bilden den Rahmen vieler seiner Aquarelle.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, wie der Künstler vor Ort in der freien Natur das unmittelbare Erleben einer Landschaft mit all seinen komplexen sinnlichen Eindrücken mit geübtem Auge, sicherer Farbwahl und schnellen Pinselstrichen auf seine Blätter bannt. Hier und heute zeigt er nun eine Auswahl seiner Arbeiten, die auf derartigen Ausflügen entstanden sind.

„Die Noblesse der Wasserfarben“ zwischen Acker und Wolkenkratzer lautet der Titel dieser Ausstellung. – Eine Hommage an die Aquarellmalerei vor dem Hintergrund seiner spezifischen Motivauswahl. Und so hält ein erster Blick in diese Ausstellung auch genau das, was der Titel verspricht. – Stille, Ruhe, Weite und Erhabenheit ausstrahlende Naturlandschaften neben den von Menschen geschaffenen Kulturlandschaften voller Leben, Mobilitätssymbolik und Architekturelementen.
Betrachterfreundliche Kunstwerke mit hohem Wiedererkennungswert und zahlreichen narrativen (erzählerischen) Elementen. Exponate, die die Experimentierfreude des Künstlers stärker sichtbar machen, sind auf den Nebenraum konzentriert. Monotypien mit ihrem großen Spielraum des Zufalls kraftvoll inszenierte Farbwelten sowie Farblandschaften und Kompositionen, die auch Abstraktionsprozesse erahnen lassen. Schon die räumliche Trennung macht deutlich, dass diese Arbeiten nicht im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen. Und dennoch hat es einen besonderen Reiz, sich diesen Werken zu öffnen und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Längst nicht so offen für unsere Assoziationen und Fantasien sind die hier gezeigten und uns vertraut erscheinenden Landschaftsaquarelle. Wir würden ihnen nicht gerecht werden, wenn wir ihnen rein kontemplativ oder mit einem nur flüchtigen „deja-vue“-Blick begegnen würden. Auch diese uns so vertraut erscheinenden Bilder müssen gelesen und in ihren mannigfaltigen Beziehungen entziffert werden. Gerd Kadzik bildet in seinen Aquarellen die Gegenstände nicht einfach ab, sondern er charakterisiert sie und zwar vor dem Hintergrund einer subjektiv empfundenen momentanen Stimmung eines spezifischen Lichteinfalles, einer besonderen Ansicht oder eines mehr oder weniger einschränkenden Blickwinkels. Er stellt bislang unbemerkte Beziehungen heraus, fixiert mit geübtem Blick die so unter ästhetischen Gesichtspunkten gefilterten Landschaften und entwirft sie mit seinen künstlerischen Mitteln aufs neue.
Und hierbei spielen die Wasserfarben eine herausgehobene Rolle. Durch das Mischverhältnis von Farbpigment und Wasser, durch die Farbauswahl und durch die Schnelligkeit des Farbauftrags werden Abstufungen unterschiedlicher Transparenz erzeugt. Und eben diese das Aquarellieren charakterisierende Transparenz verleiht in Verbindung mit Licht die dem Aquarell so unvergleichliche Leichtigkeit und Leuchtkraft seiner Farben. Manchmal hat man den Eindruck, dass diese Farben von innen heraus erleuchtet wären und so das Image einer Noblesse erwerben. Schon im Untertitel der heutigen Ausstellung lässt uns der Künstler erkennen, dass er gerne mit Gegensatzpaaren arbeitet; - mit Begriffsdipolen wie Acker und Wolkenkratzer, Stadt und Land, Ruhe und Dynamik, Muße und Betriebsamkeit, Licht und Schatten, Hell und Dunkel.
Gerd Kadzik liebt die Kontraste - thematisch und malerisch. In der Gegenüberstellung seiner Kultur- und Naturlandschaften wird dieses besonders deutlich. Bei den Naturlandschaften werden mit schnellen und großzügigen Pinselstrichen horizontalorientierte Farbflächen geschaffen, die Weite, Ruhe und meditative Stille assoziieren. Angesichts der unzähligen Details, die die Natur bietet, bedarf es der Reduktion auf wenige große Formen, die einen Gesamteindruck bzw. ein Hauptmotiv repräsentieren. Hier ist weniger oft mehr!! Gute Landschaftsaquarelle überzeugen durch ihre Schlichtheit.

Je nach Licht- bzw. Gemütsstimmungen werden Farbkontraste eingesetzt, die aus farbpsychologischer Sicht äußerst fein abgestimmt sind. Wen wundert es, dass in der Farbskala eines norddeutschen Landschaftsmalers häufiger die Blau-, Grün-, Braun- und Grautöne dominieren, während bei Blumen- und einzelnen Landschaftsaquarellen eine leuchtende Farbigkeit, Wärme, Leichtigkeit, Entspannung und Lebensfreude spiegelt, vermittelt nicht selten dunkel gehaltene Farbtöne besonders in Verbindung mit der Verlaufs- und der Nass-in-Nass-Technik eine melancholische Grundstimmung. Während bei den Naturlandschaften die Horizontale entscheidendes gestalterisches Element ist, wird bei den Ansichten von Bremen, Hamburg, Berlin, London oder New York die Vertikale besonders betont. Sie signalisiert Fokussierung, Enge und Begrenztheit und spiegelt ein spezifisches Lebensgefühl. Dem bunten Gemisch der vielfältigen Eindrücke auf belebten Plätzen und Boulevards angepasst, wird die Farbpalette im Vergleich zu den Naturlandschaften wesentlich breiter ausgeschöpft.

Die damit verbundenen zusätzlichen Möglichkeiten zur Schaffung von Farbkontrasten werden vom Künstler zur Dynamisierung des Bildgeschehens umgesetzt. Unterstützt wird diese so erzeugte Dynamik durch die Darstellung von Menschen, die grob skizziert und chiffrenähnlich neben Mobilitätssymbolen wie Boote, Autos, Bahnen oder Busse die visuellen Eindrücke des Alltags komplettieren.

Meine Damen und Herren, wie sich ein Bild zeigt und als was es sich zeigt, hängt davon ab, wie wir es betrachten. Ein unschuldiges Auge gibt es nicht. Unsere Sinnesorgane dienen uns nicht dazu, die hier gezeigten Bilder bloß abzuscannen, sondern sie dienen dazu, sie für uns herzustellen. Hierzu müssen Daten gefiltert, unterschieden, klassifiziert und organisiert werden, und damit ist die Wahrnehmung bereits eine Interpretation.

Trotz einer vermeintlichen Eindeutigkeit sind Gerd Kadziks Bilder auf Interpretation angelegt. Durch die erzeugte Spannung zwischen Realität und künstlerischer Reduktion wird der Betrachter dazu eingeladen, die Suche auch nach persönlicher Befindlichkeit aufzunehmen. Bilder haben ein Eigenleben wie ein lebendiges Wesen. Sie verändern sich mit den Betrachtern, mit deren Gemütsverfassungen und Interpretationen. Da das Bild nur Leben hat durch den Menschen, der es betrachtet, sollten wir als Besucher alles tun, um diese Ausstellung mit unverwechselbarem Leben zu erfüllen.