Pressebericht 
Große Kunst in der Klostermühle - Ausstellung mit Werken von Heinrich Richter eröffnet
  
14.03.2010
D 27305 Bruchhausen-Vilsen
Ausstellung

Große Kunst ist derzeit in der Klostermühle Heiligenberg, Bruchhausen-Vilsen zu sehen. Udo Richter, der Sohn des Grafikers und Malers Heinrich Richter stellte aus dessen bildnerischem Nachlass eine beeindruckende Ausstellung unter dem Titel "Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies" zusammen. Zur Würdigung des Oeuvres beauftragte der veranstaltende Kunstverein ART-Projekt e.V. den Kunstrezessenten Dr. Rainer Beßling mit der Laudatio anlässlich der Vernissage.

Richter, der 1968 seinen Durchbruch als Illustrator der Schmuckausgabe des Buches " Die Blechtrommel" von Günter Grass feierte, vereinte viele Zeitströme in seinem Herzen. Die "wilden 60er Jahre" waren nicht nur, wie häufig denunzierend dargestellt, Hippies und Pflastersteine, sondern vielmehr eine bewusste Abkehr von der schrecklichen, deutschen Vergangenheit (welche die Eltern tunlichst vermieden aufzuarbeiten) mit dem Mittel der geistigen Innovation. Aus diesem Kontext heraus ist auch als logisch zu erkennen, dass die geistige und darstellende Elite, zu der Richter zweifellos gehörte, eng miteinander verbunden waren. Die geistige Auseinandersetzung mit Problemen und Philosophie wird fälschlicherweise in der Öffentlichkeit immer und ausschließlich den Literaten zugeordnet. Mit genau diesem Schubladendenken wird zeitgeschichtlich Relevantes und visuell Reproduzierendes auch heute noch getrennt - eine peinliche Fehlleistung der Meinungsbildner im medialen Zeitalter.

Richter, der dieser geistigen Avantgarde angehörte, setzte Worte und Gedanken in neuer, zeitgemäßer Form in eine neue Betrachtungsweise empfindsam um, ohne dabei seine Wurzeln zu leugnen. Altes Wissen, Schöngeistiges und Ästhetik wurden in dieser Epoche als spießig verurteilt - nicht so Richter, aber auch seine Freunde Paul Wunderlich und Horst Janssen. Mit ihrem Denken und Arbeiten über den Moment hinaus trugen sie wesentlich dazu bei, die gestalterische Freiheit in der darstellenden Kunst für nachfolgende Generationen zu eröffnen. Verkopft und lebensfroh zugleich, zeichneten sich diese durch ihre unvergleichlichen Charaktere aus. Und das kann jeder Betrachter sofort erkennen, denn diese persönliche Eigenständigkeit drückt sich in jeder Linie aus. Die "Handschrift" eines Heinrich Richter ist seinen Werken offenbar.

Ein Besuch dieser Ausstellung ist wahrhaft lohnend, denn jeder Besucher wird feststellen, dass selbst die besten Reproduktionen der Werke Richters nichts im Vergleich zu den Originalen sind. Diese vermitteln durch ihre außerordentlich empfindsame Farb- und Formgestaltung einen echten Gefühlsaustausch - ja, man hat das Gefühl, der Künstler kommuniziere leibhaftig mit dem Betrachter. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Mai zu sehen.

KOMMENTAR FÜR DIE MULTIVISIONSSCHAU ZUR AUSSTELLUNG: HEINRICH RICHTER
AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN PARADIES
VON INGOLF HEINEMANN DGPH

Das Paradies
Klaus Geitel aus "Die Welt" vom 28.4,1978
"Der Traum vom irdischen Paradies ist so alt wie die Welt. Es ist diese schönste alter Utopien, der Heinrich Richter ohne Rast hinterhermalt, mit einer Besessenheit sondergleichen der verlorengegangenen Schönheit auf der Spur. Richter versucht, diese Schönheit neu zu erfinden und sie zugleich allegorisch zu feiern. Sie erscheint in seinen Bildern in Gestalt der Frau - wie sie schon Botticelli entgegentrat in der "Geburt der Venus".
Heinrich Richter tritt damit ein in eine bedeutende, nie abgerissene Tradition der europäischen Kunst. Von den Zierlichkeiten, den Verkleidungen der Anmut bei Cranach, der Hingerissenheit durch das blühende Fleisch bei Rubens, den gemalten Galanterien des Rokoko, den Liebeserklärungen Renoirs an die unendliche Vielfalt weiblicher Schönheit bis zu Heinrich Richters Imaginationen ist die Geschichte der Malerei stets auch die Geschichte der männlichen Bewunderung für die Frau. Auf den einfachsten Nenner gebracht: Adam malt Eva..."

Biographie
Verlust der Identität, des rechten Armes und der Heimat
Am 13.Mai 1920 wird Heinrich Richter in Polen in der Nähe Posens geboren. Da heißt er noch Henryk Rychter und schreibt sich mit Ypsilon. Als am 1. September 1939 die deutschen Truppen in Polen einfallen, wird sein bisheriges Leben auf tragische Weise auf den Kopf gestellt. Der Beginn des 2. Weltkrieges bedeutet für ihn das Ende paradiesischen Zustandes. Er wird kurzerhand eingedeutscht, obwohl er so gut wie kein Wort deutsch sprechen kann. Ihm wird als Heinrich Richter ohne Ypsilon die deutsche Staats¬bürgerschaft übergestülpt. Als "Beutedeutscher", wie man ihn jetzt zynisch im Landserjargon nennt, wird er eingezogen und schließlich an die Front nach Russland geschickt, wo er schwer verletzt wird und seinen rechten Arm vertiert. Wahrscheinlich rettet ihm das das Leben. Als Frühinvalide beginnt er das Studium der Gebrauchsgrafik und Innenarchitektur an der Meisterschule in Posen.
1945 muss er, der Pole und Zwangsdeutsche, absurderweise seine Heimat verlassen und vor den Russen fliehen. Es verschlägt ihn nach Berlin. Anstatt sich im Flüchtlingslager zu melden, zieht es Heinrich Richter vor, mit seiner Frau Mila in der Unübersichtlichkeit der Trümmerlandschaft unterzutauchen. Er findet eine Portierstelle in Neukölln. Mit Gelegenheitsarbeiten hält er sich und seine Familie, mittlerweile mit den beiden Söhnen Udo und Detlev, über Wasser. Trotz seiner geringen Deutschkenntnisse gelingt es ihm, an der Hochschule für Bildende Künste aufgenommen zu werden. Seine Zeichnungen überzeugen in ihrer Sprache. Er bleibt dort von 1948 bis 1955 und schließt sein Studium als Meisterschüler von Hans Orlowski ab. In dieser Zeit beteiligt er sich an den damals programmatischen Berliner Ausstellungen "Junge Generation". 1952 verschafft ihm Francois Poncet ein Stipendium in Paris. Er lernt den Louvre kennen und freundet sich mit Ferdinand Leger an.
Ben Wa(r)gin
Anfang der 60iger Jahre begegnet er dem Aktionskünstler, Provokateur und Galeristen Ben Wa(r)gin. Daraus entwickelt sich eine Künstlerfreundschaft fürs Leben. Zunächst nimmt Richter 1962 an der Ausstellung "Berlin Visuel" in Ben Wa(r)gins "Galerie S" teil. Hier werden seine Arbeiten über viele Jahre hin bis 2002 regelmäßig in Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert. In den 50iger Jahren beteiligt er sich an Aktionen des von Wa(r)gin ins Leben gerufenen Projektes "Die Wüste in uns" im Rahmen des Vereines Ben Wa(r)gin Baumpaten e.V. Europa.
Zusammen mit anderen Künstlern bemalt er 1989 ein Segment der Berliner Mauer, da ist er knapp 70 Jahre alt. Dieses Mauerdenkmal wird anschließend am ehemaligen Reichtagsgebäude installiert. Es heißt "Parlament der Bäume".
Günter Grass und die Blechtrommel
Richter gehört zu den überragenden Zeichnern in den 60igern. Trotzdem bleibt der große Erfolg aus. Eine kleine Gemeinde schätzt und unterstützt ihn. Für sie ist er längst ein Geheimtipp. Eines Tages dann entdeckt ihn Günter Grass. Für eine Prachtausgabe der "Blechtrommel" benötigt der Luchterhand-Vertag Illustrationen. Als Illustratoren vorgesehen sind die bereits arrivierten und erfolgreichen Graphiker Paul Wunderlich und Horst Janssen. Grass entscheidet sich für den noch nicht so populären 45 jährigen Berliner Polen Heinrich Richter.
Diese Entscheidung hat möglicherweise damit zu tun, dass auch Günter Grass aus Polen stammt, und Richter eine von Grass erfundene Romanfigur sein könnte. Richter kniet sich wie ein Bessener in die Arbeit, wobei er auch hier die unmittelbare Anschauung der Natur niemals vernachlässigt. Die Aale zur Blechtrommel liegen solange auf seinem Ateliertisch, bis die Familie protestiert. Aus der Fülle des Materials werden schließlich 65 Illustrationen ausgewählt. Die illustrierte Blechtrommel ist ein überzeugendes Beispiel fruchtbarer Zusammenarbeit und ein seltener Fall gegenseitiger Annäherung von Schriftsteller und Künstler.
Wolf Jessen schrieb dazu in der "Zeit": "Ein Glücksfall, dass Grass, der Henryk Rychter erfunden haben könnte, Heinrich Richter gefunden hat." Beide Künstler handeln sich für ihre Tabubrüche in Wort und Bild nicht nur Anerkennung ein. Dennoch: Mit der Veröffentlichung seiner Illustrationen gelingt Heinrich Richter auf dem den Umweg über die Literatur der Durchbruch.
Theodor „Teto" Ahrenberg - Die Zeit in Chexbres
Noch während Heinrich Richter an den Illustrationen zur "Blechtrommel" arbeitete, lernt er den schwedischen Kunstliebhaber, Sammler und Mäzen Theodor Ahrenberg kennen. Teto", wie ihn seine Freunde nennen, lebt mit seiner Familie in Chexbres bei Lausanne am Genfer See. In seinem schönen Landhaus trifft sich die Künstleravantgarde jener Zeit. Ahrenberg bietet ihnen die Möglichkeit, in seinem großen Atelier in der Regel für einen Monat zu arbeiten.
Auch Heinrich Richter wird zu einem Arbeitsaufenthalt eingeladen. Die beiden Männer verstehen sich auf Anhieb so gut und entwickeln in kurzer Zeit eine so intensive Freundschaft, dass aus dem zunächst eingeräumten Monat 5 Jahre in Chexbres werden, in denen Heinrich Richter unterstützt von Ahrenberg und inspiriert durch diesen magischen Ort an dem Zyklus "Die neun Musen" arbeitet und neben einer Vielzahl von Zeichnungen die großformatigen Gemälde mit den "Mädchen von Chexbres" anfertigt, die nach griechischen Göttinnen benannt sind.
Ahrenberg organisiert für Richter mit großem Erfolg Ausstellungen in der Schweiz und stellt Kontakte zu Sammlern her. Heinrich Richter begegnet in Chexbres vielen bedeutenden zeitgenössischen Künstlern. Er befindet sich in bester Gesellschaft.
Der Leverkusener Kunstskandal
Als "die neun Musen" und "die Mädchen von Chexbres" 1966 in Leverkusen gezeigt werden, kommt es zum Kunstskandal. Die Ausstellung soll auf Betreiben der CDU, die ihn höchstpersönlich eingeladen, plötzlich aber kalte Füße bekommen hat und sich als Moralinstanz aufspielt, unmittelbar nach der Vernissage wegen Anstößigkeit geschlossen werden. Sogar die BILD-Zeitung, die bis heute nicht müde wird das Tagesgeschehen mit vollbusigen Nackten zu garnieren, titelt empört "40 nackte Frauen auf einmal sind zuviel". Der SPD ist es zu verdanken, dass sich die Freiheit der Kunst durchsetzt. Die Ausstellung wird ein Publikumsrenner und Riesenerfolg. So tickt die Gesellschaft: Erst der Skandal, dann das Interesse und der Erfolg.
"Der Nomade mit wechselnden Zeltplätzen“
1969, also fast 50jährig, wird Heinrich Richter der "Große Berliner Kunstpreis" verliehen. Ein Jahr zuvor hat er Werner Haftmann, den Direktor der Neuen Nationalgalerie Berlin kennengelernt. Er schätzt Richters Werk sehr und unterstützt ihn. Richter legt das Preisgeld gut an und lässt verschiedene Arbeitsaufenthalte im Ausland folgen. Der Berliner Kunstkritiker, Künstler und Galerist Godehard Lietzow, mit dem Richter wie zu Ben Wargin und Werner Haftmann eine lebenslange Freundschaft pflegt, nennt ihn deshalb einmal einen "Nomaden mit wechselnden Zeltplätzen".
Wieder in Berlin
Seit 1991 ist Heinrich Richter nach vielen Aktivitäten im Ausland wieder dauerhafter in Berlin, viele Ausstellungen in Deutschland folgen. Seine letzte Einzelausstellung findet im Jahre 2001 in München statt und ist - wie könnte es anders sein - eine "Hommage an die Frauen" - Die Kunst ist schließlich weiblich!
Im Jahr 2002 schließt sich der Kreis mit einer Ausstellung im Palac Opatow bei Danzig, in der Richters Illustrationen zu Günter Grass "Blechtrommel“ zum ersten Mal gezeigt werden. Zum ersten Mal betritt Heinrich Richter nach seiner Flucht aus seiner Heimat im Jahr 1945 polnischen Boden. Für alle Beteiligten wird das zu einem ergreifenden Ereignis.

Schluss
Am 5.Juni 2007 stirbt Heinrich Richter im Alter von 87 Jahren in Berlin nach einem Leben für die Kunst quasi mit dem Stift in der Hand. Sein Lebenswerk legt Zeugnis ab von einem, ruhe- und rastlosen Wirken und Getriebensein eines Suchenden auf dem Weg zur Vollendung. Seine Arbeit an Dantes "Göttlicher Komödie" bleibt unvollendet. Aber, was heißt das schon nach einem derart schaffensreichen Leben. "An artists work is never done" weiß der Cowboy im Künstler. Einzig der Tod vollendet das Unvollendete. Heinrich Richter hinterlässt unübersehbare Spuren in der weiten Kunstlandschaft, die ihm seinen Platz im Kunstgeschehen und in der Kunstgeschichte garantieren.
Ob die Spuren, die er hinterlässt, nun ins Paradies führen oder nur die Sehnsucht danach schüren, ob sie die bittere Erkenntnis bestätigen, dass die Wirklichkeit keinen Raum für Paradiese bietet und der Himmel auf Erden so weit weg ist von der Wirklichkeit wie der Himmel selbst, das muss jeder Betrachter für sich herausfinden.
Überall in der Welt fand Heinrich Richter Freunde und Sammler seiner Kunst. Wir sind sicher, dass durch diese Ausstellung weitere Freunde dazukommen werden, weil das, was immer sein Thema war und sein Antrieb für sein unermüdliches Schaffen, über die Zeit erhaben und über modische Strömungen hinaus von grundsätzlicher Bedeutung und zeitloser Aussagekraft ist. Die Suche nach dem verlorenen Paradies.
"Blumenstillleben"
Als Heinrich Richter in den letzten Jahren seines Lebens einmal Udo und Franziska Richter in Schneeren besuchte, nicht nur um sich am Steinhuder Meer eine frische Brise Nordluft um die Nase wehen zu lassen und in ländlicher Beschaulichkeit zu verweilen, sondern auch um dort im Atelier zu arbeiten, entdeckte er dieses Stillleben, es stand irgendwo in der Galerie seines Sohnes herum, war nicht einmal aufgehängt. "Das ist ein guter Maler!" urteilte er fachkundig. "Wer hat das gemalt?" Udo Richter schmunzelte in sich hinein. Sein Vater hatte dieses Frühwerk in Öl nicht als sein eigenes Gemälde wiedererkannt.