Pressebericht 
Ausstellungseröffnung „Buremna Ukraina“ von Dana Winogradova
Ausstellungseröffnung „Buremna Ukraina“ von Dana Winogradova im Alten Gaswerk am 30. September 2017
  
30.09.2017
D 27305 Bruchhausen-Vilsen
Ausstellung
Journalist:  B. Rädisch + Dr. W. Griese Fotograf:  Peter C. Creuzburg, Rädisch

Zweimal stirbt man nicht
von Bärbel Rädisch
Bruchhausen-Vilsen. Mit Aquarellen, Grafiken, Gouachen, Assemblagen, Karikaturen zeigte die Ukrainerin Dana Winogradova am Samstag im Alten Gaswerk einen Querschnitt ihres Könnens. Ihr Thema: Der Krieg in ihrer Heimat. Geboren ist sie 1985 in Chmelnizkje, studierte dort Kunst und Design. Bilder, den Krieg thematisierend, stellte sie neben solche, die auf Frieden hoffen lassen. „Noch ist die Ukraine zerissen“, ihr Tenor. Die Künstlerin sprach davon, wie nach der Unabhängigkeit von der UDSSR 1991 Frieden mit- und untereinander herrschte. Das änderte sich, als das Volk - immer noch friedlich - 2014 gegen korrupte Politiker und europafeindliche Politik auf dem Maidan protestierte. Schüsse fielen. Ein Jahr kämpfte sie an der Front, wurde schwer verletzt, verarbeitete ihr Trauma mit Pinsel und Farbe. Dr. Dr. Wolfgang Griese gelang es in seiner Laudatio auf eindrückliche Art, dem Publikum die unterschiedlichen Werke nahe zu bringen und mit Blick auf die Landkarte ins Bewusstsein zu rücken, wie gering die Entfernung von uns zu diesem Grenzland ist – so die Übersetzung für Ukraine. Immer noch tobt dort Krieg. Erfreulich viele Interessierte ließen sich vom Laudator einstimmen, sich den Blick von Winogradova zu eigen zu mache. Auf der an die Wand geworfenen Vergrößerung verstörte zu Beginn das Motiv des Flyers zur Ausstellungseröffnung. Winogradova steht mit dem Rücken zum Betrachter im Planquadrat einer Stadt – vielleicht Kiew, wo sie lebt. Rückenfrei ihr rotes langes Abendkleid. In der Linken hält sie eine nach unten gerichtete Kalaschnikoff. Wie Grabsteine sind vor ihr ihre Bilder angeordnet. Sie schaut in die Ferne. Vielleicht sucht sie am Horizont den Hoffnungsschimmer, der das Ende des Krieges verspricht. Eine kurze Videosequenz zeigte sie später in einem rasenden LKW als Soldatin in Uniform. Stärkstes Motiv der Präsentation war wohl die schwarz-weiße Grafik „Krieg“. Eine abgemagerte nackte Frau mit wehendem schwarzem Haar, wird von einem überdimensionalen Patronengurt umschlungen. Von ihren riesigen ausgestreckten Händen tropft leuchtendrotes Blut. Ist sie Opfer? Ist sie Täter?, fragte Griese. Als Gegensatz eine farbige Gouache: „Der erste Schritt in die Zukunft“. Ein kleiner Junge im Hemdchen tappt auf nackten Füßen. Einen Finger schmiegt er dabei noch in die Hand des hinter ihm Gehenden, die ukrainische Fahne im Rückraum. Allerlei Tiere krabbeln am Boden aber auch das ukrainische Symbol für Frei-heit, der Dreizack, ist zu sehen. Als Assemblage zeigte sie „Das Gesicht des Krieges“. Ein Frauengesicht wird umrahmt von Patronenhülsen und Granatsplittern von der Front. Schon Picasso bediente sich dieser Kunstform zum Beispiel mit seinem Stierschädel in Tête de Taureau. Den bedrückendsten Eindruck jedoch erzielte Winogradova mit einem Video. Sie malt darin ein Motiv, das durch Übermalen ständig neue Situationen und Eindrücke vermittelt. In schneller Folge werden friedliche Bilder zu grauenvollen Schrecknissen mit explodierenden Granaten, vorrückenden Soldaten, auf Menschen gerichteten Gewehren, Weinenden, Toten, Grabsteinen. Ihre Botschaft in Großbuchstaben: ZWEIMAL STIRBT MAN NICHT. Dieses Video in seiner schonungslosen Radikalität sollte Politikern in den Zentren der Macht dieser Welt gezeigt werden als Aufruf zum Frieden. Heißt es nicht: Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Laudatio zur Ausstellungseröffnung „Buremna Ukraina“ von Dana Winogradova im Alten Gaswerk am 30. September 2017 ( von Dr. Dr. Wolfgang Griese )

Meine Damen und Herren, liebe Freunde der Bildenden Kunst !
„Buremna Ukraina“, so lautet der Titel dieser Kunstausstellung der ukrainischen Künstlerin Dana Winogradova hier im „Alten Gaswerk“. Und da die meisten von uns der ukrainischen Sprache nicht so mächtig sind, bietet dieser Titel kaum Interpretationshilfen, um sich der surrealen Ausstellungsankündigung auch inhaltlich nähern zu können. Und genau mit diesem unwirklich erscheinenden und scheinbar zusammenhangslosen Nebeneinander einzelner Motive erweckt Dana unsere Neugier, um die surreale Bildlandschaft zu erforschen und hinter das Gesehene zu schauen. Die das Bild dominierende Frau ist die Künstlerin selbst, die in Rückenansicht und Halbprofil den Wellengang des sie umgebenden Meeres aufmerksam beobachtet. Sie trägt ein langes elegantes figurbetontes Abendkleid mit einem tiefen erotisch wirkenden Rückenausschnitt, der den Blick auf einige sonst verborgene Tattoos freigibt. Im Meer, das die Ukraine symbolisiert, sind die Werke der Künstlerin integriert, die den gleichförmigen Wellenzügen ein markantes Gesicht geben.
In den Händen hält Dana eine Schnellfeuerwaffe, die zum eleganten und lebensfrohen Outfit nicht so recht passen will. Übersetzt man darüber hinaus „Buremna Ukraina“ mit „bewegte, unruhige Ukraine“, so vereinen sich die einzelnen Elemente des Bilderrätsels zu einem Ganzen.
Die Ausstellungsankündigung könnte als ein Selbstbildnis der Künstlerin interpretiert werden, die zu jeder Zeit, selbst im Abendkleid , die Entwicklung der Ukraine im kritischen Blick hat, um jegliche Form der Bedrohung von Unabhängigkeit und Freiheit mit den vielfältigen Ausdrucksmitteln der Kunst zu bekämpfen; und dies notfalls mit der Waffe in der Hand.
Wenn auch die Ukraine nicht zu unseren unmittelbaren Nachbarn gehört, so liegt sie dennoch in unserer vielfach vernetzten Welt fast vor unserer Haustür. Und obwohl die Ukraine flächenmäßig das zweitgrößte Land des geografischen Europas ist, kennen wir dieses Land und seine Menschen vergleichsweise wenig. Dies zu ändern, gehört zu den Zielen des Projektes „Phönix“, das vom Verein für deutsch – ukrainische Zusammenarbeit „Kolos e.V.“ initiiert wurde; ein Projekt, das das Alte Gaswerk in diesem September zu einer Stätte der Völkerverständigung werden ließ und immer noch lässt. Während sich der erste Teil dieses Projektes farbig wie ein Kaleidoskop-Bild mit Musik und vielfältigen traditionellem Kunsthandwerk präsentierte, gilt dieser zweite Teil einer Künstlerin, die die Schattenseite der Ukraine beleuchtet; die anzuprangernden Missstände und den Krieg im Donbass; im Osten des Landes. Das dies in dieser Form so möglich wurde, verdanken wir einerseits den zahlreichen ukrainischen Künstlern, die dieses Projekt selbstlos unterstützen und andererseits der quirligen Vorsitzenden von „Kolos e.V.“ Dana Arnold. Hierfür herzlichen Dank!! Ukraine heißt Grenzland und alleine dieser Name lässt erahnen, dass die wechselhafte Geschichte dieses Landes von einem permanenten Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit geprägt wurde. Heute ist die Ukraine ein Staat, der nach Auflösung der Sowjetunion 1991 um eine Neuorientierung kämpft. - Um eine verstärkte Unabhängigkeit von Russland und ein friedliches und offenes Miteinander mit allen Nachbarstaaten. Viele von uns werden sich noch genau daran erinnern, wie 2014 in Kiew auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz Majdan die Zivilgesellschaft der Ukraine gegen die beabsichtigte Russlandannäherung des damaligen korrupten Präsidenten Wiktor Janukowytsch protestierte und letztlich seine Flucht nach Moskau bewirkte. Die dann folgende Annektierung der Krim und die bis heute andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen Armee und pro-russischen Separatisten füllen bis heute unsere Nachrichten.
Und sicher lösen die sich wiederholenden Szenen von Kriegsschauplätzen bei uns immer wieder Betroffenheit und Mitgefühl aus, doch es ist schon ein wesentlicher Unterschied ob man die Bilder des Krieges im TV- Fernsehen auf dem Sofa konsumiert oder aber diese im eigenen Heimatland hautnah miterlebt.

Und eben dies gilt für Dana Winogradova;
sie wurde 1985 in der Ukraine ( Chmelnizkje ) geboren; studierte Kunst und Design an der Universität ihres Geburtsortes ; schloss mit dem Diplom ab und beteiligte sich seither erfolgreich an zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen. Dana gehört zu den jungen Aktivisten der aufbegehrenden Zivilgesellschaft, die sich systemkritisch und mutig mit der politischen Situation ihres Heimatlandes auseinandersetzen. Sie gehörte zu den Maidan – Demonstranten, -kämpfte ein Jahr an der Front, wurde verwundet und tauscht seitdem ihre bisherige Waffe gegen die einer Künstlerin aus, gegen Pinsel, Farbe und Zeichenstift.
Und so wie viele uns so bekannte Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, George Grosz oder Max Beckmann ihre Kriegserlebnisse aus einem inneren Zwang künstlerisch regelrecht abarbeiten mussten, so geht es heute Dana Winogradova. Ihre Bildsprache ist weder avangardistisch noch revolutionär, weder informell noch abstrakt; sie ist durchgängig gegenständlich ausgerichtet und kommt daher unseren Sehgewohnheiten sehr entgegen. Dies macht uns das Lesen der Bilder zwar relativ leicht; es kann aber auch schnell dazu führen, dass man den hintergründigen Gehalt und die Mehrschichtigkeit der einzelnen Werke übersieht. Ein erster flüchtiger Blick auf die hier präsentierte Bildwelt kann den Eindruck entstehen lassen, dass viele Einzelwerke in unterschiedlichen Stilrichtungen ohne eine übergreifende message nebeneinander gestellt werden. Dass dies nicht so ist, wird erst auf einen zweiten Blick deutlich, dann nämlich wenn man die landesspezifischen Hintergründe und die immer wieder eingearbeiteten Symbole berücksichtigt. Die hier präsentierten Arbeiten lassen auch erkennen, dass wir es mit einer sehr vielseitigen Künstlerin zu tun haben, die gerne experimentiert und die sich bisher weder auf spezifische Kunstgattungen noch auf bevorzugte Kunstrichtungen fixiert hat. Neben Malerei und grafischen Arbeiten finden wir Mixmediaformen sowie Assemblagen bis hin zu Multimediaprojekten.
Die Ukraine durchlebt eine bewegte Zeit mit Umwälzungen und Brüchen, mit dem Wunsch nach Erneuerung und der Furcht vor reaktionärem Widerstand! In diesem Spannungsfeld entwickelt Dana Winogradova ihre subjektive Weltsicht, die zum Impulsgeber ihrer künstlerischen Arbeit wird.
Sie wählt dazu die wirksamste Waffe, die der Kunst zur Verfügung steht; - die Karikatur und die Satire. Mit keiner anderen Kunstgattung können anzuprangernde Anschauungen, Ereignisse und Zustände so messerscharf entlarvt werden, wie mit gezielter Überzeichnung, Ironie und Spott.
Die Arbeiten, in denen sich die Künstlerin auf diese Weise mit dem Kommunismus, der Energieabhängigkeit und der Korruption in der Ukraine auseinandersetzt, erklären sich von selbst und lassen nur begrenzte naheliegende Interpretationsansätze zu. Ein ganz anderes künstlerisches Ausdrucksmittel stellen die beiden Assemblagen „Artilleriebeschuss“und „Das leidende Gesicht des Krieges“dar. Assemblagen sind Collagen mit plastischen Objekten, die das zweidimensionale Bild in die Dreidimensionalität überführen und dem gesamten Kunstwerk einen reliefartigen Charakter mit spezifischer haptischer Qualität verleihen. Die Besonderheit dieser Kunstwerke liegt vor allem darin, dass die hier verarbeiteten plastischen Fundstücke Granatsplitter aus den umkämpften ukrainischen Gebieten sind; Granatsplitter, deren destruktive Funktion darin bestand, Tod und Vernichtung zu verbreiten.
Die Künstlerin transformiert den destruktiven Charakter des Kriegsmaterials in einen konstruktiven, indem sie die Granatsplitter zum integrierten Bestandteil eines Kunstwerks werden lässt; eines Kunstwerks, das das durch diese Splitter verursachte menschliche Leid und Elend beschreibt. Transformationskunst der besonderen Art ! Um die komplexen sich in Ton und Bild aufschaukelnden Konfrontationen zwischen aufbegehrender Zivilgesellschaft und Staatsmacht angemessen in Szene zu setzen, entwickelt Dana für die Visualisierung ihrer Schlüsselerlebnisse auf dem Maidan eine Art Multimedia- Performance. Vor dem Hintergrund einer audio- visuellen Dokumentation der eskalierenden Ereignisse übermalt sie die Szenerie spontan mit dynamischer Pinselführung, um so ihre Erfahrungen und Befindlichkeiten sichtbar zu machen. Ein visuelles Ablaufprotokoll von Schlüsselerlebnissen einer Augenzeugin ! – Diese Arbeit wird aufgrund der Länge im Anschluss an die Laudatio eingespielt! – Zugegeben, die Grafik mit dem Titel „Vorwärts“ irritierte mich zunächst im Kontext der übrigen Bildauswahl.
Wir sehen einen muskelbepackten Heroen. Mit nacktem Oberkörper und festem Blick stürzt er sich siegesgewiss auf jede vermeintliche Bedrohung seiner Weltanschauung. –Ein Vorzeigepatriot, der die überdimensionale Standarte seines Vaterlandes fest im starken Griff hat. Die Arbeit zeigt das Ideal eines sozialistischen Menschenbildes wie es in ungezählten Kunstwerken des Sozialistischen Realismus über Jahrzehnte verherrlicht wurde. Diese ideologisch begründete Stilrichtung ging von der Sowjetunion aus und verbreitete sich schnell im gesamten Ostblock. Vor diesem Hintergrund kann „Vorwärts“ aber auch als Persiflage auf einen gleichgeschalteten Kunststil aufgefasst werden. Ein Kunstwerk, das bei tiefgründiger Betrachtung im Kontext dieser Ausstellung darüber hinaus auch zu einem Denk—mal ( nach ) anregen kann. Im Rahmen des Sozialistischen Realismus wurden nämlich Individualismus, Subjektivismus, Emotionen und Fantasien als entartet betrachtet und als Ausdruck einer bürgerlichen Dekadenz angesehen.
Welch einen Kontrast zu „Vorwärts“ bildet die Grafik „Verdammter Krieg“. Eines der für mich eindrucksvollsten und zugleich bedrückendsten Arbeiten überhaupt. Wir sehen: eine Frau; vom Krieg gezeichnet, halb nackt und abgemagert bis auf die Knochen. Mit wehendem schwarzem Haar streckt sie uns Betrachtern ihre expressionistisch übergroß gestalteten Hände entgegen. Blutverschmiert; frisches Blut, das immer noch von ihren Fingern nach unten – auf den Boden- tropft. Ein überdimensioniertes floristisch wirkendes Kleidungsstück, das angesichts der anderen Accessoires wie ein Fremdkörper wirkt, wird von einem groben Gürtel behelfsmäßig gehalten. Ihre militärische Erkennungs- und Dienstmarke trägt sie als Kette und ein schwerer Munitionsgürtel umschließt ihre schmalen Hüften; die Blume im Haar mutierte schon lange zum Granatgeschoss. Obwohl die Szene recht eindeutig zu sein scheint, ist sie es ganz und gar nicht. Alleine die roten blutigen Hände rufen ungezählte Fragen auf. Wessen Blut sehen wir? Ist sie, die Frau, Täter oder Opfer –oder beides? Da sich die Frau in einem abstrakt gehaltenen Raum befindet, fehlen uns jegliche Zusatzinformationen, die uns das Geschehen herleiten ließen. Eine geschickte Inszenierung zur Aktivierung unserer Fantasie.
Genau genommen wissen wir noch nicht einmal ob die Figur steht oder schwebt. Nimmt man das Schweben an, so verlassen wir die Ebene real- analytischer Erklärungsmuster und begeben uns auf das spiegelglatte Parkett des Mystischen. Und dann dieser Gesichtsausdruck !! Welche Emotionen werden darin gespiegelt? Angst, Schrecken, Verzweiflung oder aber ein kaum nachvollziehbares Lächeln, das zwischen erlösender Hoffnung und fortgeschrittenem Wahnsinn chargiert. Was auch immer; das Trauma Krieg trägt all diese Facetten in sich.

Vielleicht beschreibt dies vielschichtige Werk aber auch den Höhepunkt eines menschlichen Dramas, nämlich den Augenblick des Krieges, in dem fast jeder Mensch unschuldig schuldig wird. Vielleicht aber symbolisiert dieser gequälte und geschundene Körper ganz allgemein das menschliche Leid, das jeder Krieg; ob in der Ukraine, in Syrien, Afghanistan oder Eritrea, immer wieder hervorruft. Ein Leid, das die Mächtigen dieser Welt allzu gern ignorieren oder billigend als “Kollateralschaden“ in Kauf nehmen. Bei aller Verallgemeinerung verliert Dana die Ukraine nie aus dem Blick. Sie verwendet hier ausschließlich die beiden Symbolfarben Rot und Schwarz. Rot und Schwarz sind die Farben der Flagge der Ukrainischen Aufständischen Armee. Sie symbolisiert das rote Blut der Ukrainer, welches auf dem schwarzen Boden der Heimat vergossen wurde. Krieg ist die Geißel der Menschheit, der Ursprung von Leid und Elend, und wer diese satanische Ausgeburt miterlebt hat, sehnt sich nur nach einem; nach Frieden; nur hierin liegt eine nachhaltige Zukunft. Die Arbeit „Verdammter Krieg“ ist Anklage und Appell zugleich. Appell an die Vernunft und an die Einsicht der Mächtigen , endlich diesen zerstörerischen Wahnsinn zu beenden.

Zwei Arbeiten scheinen sich schon alleine aufgrund der Farbigkeit von den übrigen Werken, die in dunklen Farbtönen und Farbnuancen gehalten sind, abzuheben. Es ist das Porträt einer alten Frau, und es ist das Bild eines kleinen Kindes, das sich freut auf eigenen Beinen stehen zu können. Nun; Bilder mit und von kleinen Kindern sowie Porträts von älteren Menschen gibt es viele. Sie sind in der Regel wenig spektakulär und bedürfen eigentlich keiner besonderen Erwähnung. Hier lohnt es sich jedoch genauer hinzuschauen, denn beide Bilder sind vielschichtig und können u.a. als Allegorien angesehen werden, die die Sehnsüchte und Hoffnungen der ukrainischen Bevölkerung spiegeln. Die Gouache-Arbeit mit dem Porträt der alten Frau trägt den Titel „Mama“. Die schlichte traditionelle Kleidung der Frau, ihre wettergegerbte Haut, ihr freundlicher Gesichtsausdruck sowie die eher auf körperliche Arbeit schließenden Hände lassen vermuten, dass es sich um eine einfache, gutmütige Frau handelt.
Möglicherweise eine Mutter, die voller Sorgen mit dem Farbband der ukrainischen Armee in Händen, an ihre Kinder denkt, die an der Front für die Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine kämpfen. Diese alte Frau könnte aber auch als Allegorie aufgefasst werden, als personifizierte Ukraine. Das Gesicht der alten Frau ist vom Leben gezeichnet, Sorgenfalten prägen die Stirn, dunkle Augenränder und ein leerer Blick könnten die wechselvolle ukrainische Vergangenheit spiegeln. Das rot- schwarze Band der ukrainisch aufständischen Armee wird wie ein Rettungsanker krampfhaft mit beiden Händen umklammert. Hoffnung auf eine späte Zukunft; die Visualisierung eines innigen Wunsches nach Frieden und Freiheit. Am optimistischen wirkt das alleine aufgrund seiner Größe herausstechende in Gouache gemalte Werk mit dem Kind „Der erste Schritt in die Zukunft“. Das Kind ist offensichtlich überglücklich erstmals auf eigenen Beinen stehen zu können und freut sich königlich über die ersten eigenen Schritte. Instinktiv sucht es noch nach Halt, und sei es nur ein Finger. Und dieser Finger gehört der personifizierten Ukraine, deren Nationalfarben den gesamten Hintergrund oberhalb des Horizonts abdecken. Bekleidet ist der gesund und aufgeweckt wirkende junge Erdenbürger nur mit einem Hemdchen, das mit traditionellen ukrainischen Mustern bestickt ist. Und es ist gut, dass die unterstützende Hand noch länger zur Absicherung erhalten bleibt, denn auf dem Boden, den das Kind mit nackten Füßen betritt, wimmelt es von allerlei feindseligem Getier, das nach einer Achillesferse sucht.
Man könnte glauben, das freundliche Lächeln dieses Jungen gelte uns Betrachtern; dies kann auch durchaus so sein! Aber möglicherweise gilt es auch diesem gold- gelb glänzenden Dreizack, dem überall gegenwärtigen ukrainischen Symbol für Freiheit. Die noch in den Kinderschuhen steckende ukrainische Unabhängigkeit ist nach 21 Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion auch heute noch einer Vielzahl von Gefährdungen ausgesetzt. Diesen komplexen Sachverhalt mit einer allegorischen Visualisierung eines Kindes zu verbinden, ist für mich äußerst überzeugend gelungen. Wollen wir hoffen, dass diese symbolisierte Unabhängigkeit sehr bald das Symbol der Freiheit fest in den Händen hält. Denn Unabhängigkeit in Frieden und Freiheit ist ein tragfähiges Modell für die Zukunft, ein Modell, das wir hier in Deutschland schon viel zu sehr als selbstverständlich und abgesichert hinnehmen. – In der Ukraine ist dies eine Vision und kämpft noch dafür. Mögen die Waffen auch im Osten der Ukraine endlich schweigen und möge das eintreten was alle sich so sehnlichst erhoffen: Frieden !!

Meine Damen und Herren,
nehmen Sie sich Zeit für diese Ausstellung, denn jedes Werk hat seine eigene Geschichte und eine vielschichtige Aussagekraft. Und vielleicht trägt ja diese Ausstellung auch dazu bei, dass wir unsere Freiheit und den Jahrzehnte währenden Frieden besser schätzen lernen.